Meine Studis in China

Mein Job in China war es, chinesische 1. Semester in dem Fach BWLzu unterrichten. Die Studenten hatten die Hälfte des Tages Frontalunterricht bei einem Professor und die andere Hälfte des Tages Wiederholung des Stoffes bei mir. Der komplette Unterricht erfolgte hierbei auf Deutsch.

Der erste Tag war für mich als auch für die Studenten aufregend. Um 8 Uhr ging es los – wir quetschten uns gemeinsam mit hunderten Studis über die schmale Brücke, die zu unserem Unterrichtsgebäude führte und natürlich fielen wir auf wie bunte Hunde. Ich glaube, für viele waren wir die ersten Europäer, die sie jemals live zu Gesicht bekommen haben. Schön war von Anfang an, dass die Reaktionen freundlich und dezent waren, weshalb das Anstarren für mich auch nie unangenehm war.

Dennoch hatte ich einen Kloß im Hals vor Aufregung: neues Land, neue Kultur und neuer Job. Es war der absolute Sprung ins kalte Wasser.

Als ich in meine erste Klasse kam, gab es ein allgemeines Raunen (oder auch hohes Quietschen bei den Mädels). Leicht verunsichert habe ich mich dann einfach entschieden zu lächeln und zu winken – das internationale Zeichen für „bitte seid lieb zu mir“.

Die Klasse war schon vor dem Unterricht sehr ruhig und als es dann los ging war es totenstill. Joa dann wollen wa mal losglegen wa. Zum Glück begann das erste Semester relativ entspannt mit Wirtschaftsdeutsch, Fächer wie Management Basic, KLR und Mathe folgten erst noch (juhu…nicht). Wobei Vokabeln wie Rohstoffveredelung oder Wertschöpfungskette dann doch schon schwer zu erklären sind. Hier ist dann teilweise voller körperlicher Einsatz in Form von pantomimischen Fähigkeiten gefragt bzw. künstlerische Ausführungen auf der Tafel und man muss sich immer bemühen seeeeehr laaangsam und deutlich zu sprechen.

Schon in der ersten Stunde gab es die ersten Lacher und meine Studis (insgesamt 80) tauten langsam auf.

Lustig für mich waren teilweise die „deutschen“ Namen, die sich die Schüler selbst gegeben hatten–  Charles, Jerry Unicorn (mein Favorit), Spike, Winnie, Güler, Neuchen … Eine Herausforderung waren die chinesischen Namen Qu, Su, Zu, Wu, Bu (saßen alle in einer Reihe). Die richtige Aussprache gelang mir bis zum Ende nicht, was immer zur allgemeinen Belustigung führte. Wer weiß was ich da auf chinesisch gesagt habe.

Schon nach der ersten Stunde merkte ich wie unglaublich nett, höflich, respektvoll und liebenswürdig die Studenten in China sind. Im Gegensatz zu deutschen Studierenden in dem Alter aber auch sehr schüchtern und zurückhaltend. Vor allem am Anfang war die Beteiligung gleich null. Das änderte sich zum Glück im Laufe der Zeit.

Lernen wird in China unglaublich ernst genommen. Ich unterrichtete an einer privaten Universität, sodass meine Studenten alle aus sehr gutem Hause kamen. Diese Herkunft ist Fluch und Segen zugleich, da von den Eltern, Großeltern, Onkels und Tanten etc. Leistung erwartet wird. Noten sind hier oft Prestige, sodass eine 1,3 oder 1,00 schon den Unterschied macht und ein unglaublich hoher familiärer und gesellschaftlicher Druck auf den Studenten liegt.

Besonders bemerkbar machte sich dieser Eindruck bei den Berichten über die gaokao Prüfung (das chinesische Abitur). Je nachdem wie gut diese Prüfung absolviert wird entscheidet sich, welche Uni besucht werden darf. Die Kinder werden drei Jahre auf diese Prüfung vorbereitet. Das Lernpensum ist hierbei immens: Die Schüler lernen von morgens um 6.00 Uhr bis abends 10.00 Uhr und schreiben täglich Prüfungen. Aufgrund dieses harten Drills sind die Chinesen Meister, wenn es darum geht, Skripte wortwörtlich auswendig zu lernen.

Durch diese Erziehung zeigen die Studenten eine unglaubliche Disziplin, wirkten auf mich aber auch oft zu schüchtern. Besonders am Anfang waren freiwillig Wortmeldungen nicht vorhanden – zu groß war die Angst in der fremden Sprache zu sprechen und etwas falsch zu machen. Zudem ist nur das vermitteln von Wissen bekannt, kritische Fragen oder auch Diskussionen gibt es eher weniger.

Am Ende der vier Monate waren die ersten Reihen aktiv, trauten sich frei zu sprechen und hatten (glaube ich) sogar Spaß an der Sache. Ein Lob von mir war unglaublich viel Wert und man merkte wie es das Selbstbewusstsein stärkte.

Die letzten Reihen waren körperlich anwesend, verstanden aber nur wenig und freuten sich einfach das die große blonde Frau vor Ihnen rumhampelt bzw. versuchten irgendwie den Stoff zu meistern. Der Rest kam nicht zum Unterricht, da durch Beziehung der Abschluss und auch der Arbeitsplatz nach dem Studium gesichert ist.

Ich habe jede Woche versucht durch Gruppenarbeit, Rollenspiele und andere didaktische Mittel die Studenten aufzutauen und den reinen Frontalunterricht aufzubrechen. Meine beiden Klassen waren hierfür sehr zu begeistern (trotzdem werde ich niemals Lehrer!). Vor allem die Kreativität und die Motivation bei Projekten und Präsentationen hat mich teilweise umgehauen. Ich kann sagen, dass ich nicht einen frechen unangenehmen Schüler hatte und ich wirklich alle Studenten mochte.

Vor allem durch die Gespräche mit den Studenten nach dem Unterricht konnte ich viel über chinesischen Kultur erfahren. In dieser Generation macht sich der Gegensatz zwischen Traditionen und dem modernen Lifestyle sehr bemerkbar. Sie akzeptieren die von den Eltern vorgegeben Regeln, wissen aber auch, dass es andere Kulturräume mit anderen Werten gibt. Zudem sind sie durch die Werbung unglaublich beeinflusst. Westliche Models, Sänger, Schauspieler sind hier die Vorbilder. Die Träume für die Zukunft sind vielseitig. Viele wollen ins Ausland und neue Eindrücke gewinnen und Ihren Horizont erweitern. Ich denke, die neue moderne Generation wird China vor allem bei den internationalen Beziehungen weit voranbringen, da sie ehrgeizig, kreativ und weltoffen ist. Schön ist aber auch, dass die chinesischen Traditionen schätzen und da bin ich mir ganz sicher beibehalten werden.

Mit den Monaten sind meine Studis auch meine Freunde geworden, sodass der Abschied sehr schwer fiel. Ich hoffe auf viele Besuche in Berlin, damit ich ein wenig von der chinesischen Gastfreundschaft zurückgeben kann.

 Lausche (Lehrer) Laura oder wie ich gerne genannt wurde Frau Masse – ein Paar Schnappschüsse von meinen Studenten;)

Der Campus und die Cafeteria. Ich glaube Sie haben mit Jules und mir die treuesten Kunden gefunden, die es jemals gab auf dem Campus (Kaffeejunkies)

Am Ende des Semesters gab es eine gigantische Weihnachtsfeier mit gefühlt tausenden von Studenten. Ich habe noch nie so viele Serlfies gemacht (in China sind Selfies sehr populär) Wahnsinn war das Programm, was die Studenten auf die Beine gestellt haben von Tanzen, Singen, Schaupielerei und Klavier spielen war alles dabei. Ein toller Abend! Wir mussten leider auch singen;)